Die gesundheitliche Versorgung der Flüchtlinge hat Hamburg zunächst vor große Herausforderungen gestellt. Inzwischen gibt es in allen Erstaufnahmeeinrichtungen regelmäßige ärztliche Sprechstunden – eine medizinische Grundversorgung konnte gesichert werden. Doch was, wenn Arzt und Patient sich nicht verstehen?

Herausforderung: Verständigungsprobleme hemmen Diagnose und Therapie

Was, wenn die Patienten statt Deutsch oder Englisch nur Farsi, Pashto oder Arabisch sprechen? Vieles wurde pantomimisch gelöst, sprachkundige Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte zur Hilfe gerufen und auch professionelle Dolmetscher engagiert. Solche Dienstleistungen sind jedoch teuer und der passende Übersetzer ist nicht immer zeitnah verfügbar. Ohne Verständigung aber droht die Gefahr einer falschen oder verzögerten Diagnose-Stellung und auch für die Therapie ist die Mitarbeit des Patienten unverzichtbar.

Lösung: Medizincontainer mit Video-Dolmetscher-System: Zugriff auf 50 Sprachen

Da Dolmetscher ganz klar am besten eine funktionierende Verständigung gewährleisten können, werden in speziell ausgestatteten Containern (Refugee First Response Center) professionelle Übersetzer einfach per Internet in Bild und Ton dazu geschaltet. Nur zwei Minuten dauert der Verbindungsaufbau im weltweit ersten Medizincontainer mit Video-Dolmetscher-System. Ärzte und Patienten haben Zugang zu 750 medizinisch trainierten Übersetzern, die über 50 Sprachen abdecken. Gewährleistet wird der Dolmetscher-Service von der Wiener Firma SAVD, die ihre Dienste in einem Abo-Modell anbietet.

Möglich wurde die Lösung durch die unermüdliche Zusammenarbeit diverser Hamburger Partner. Die Idee für den Medizincontainer mit Internetanschluss hatten Ende 2015 Mirko Bass, Mitarbeiter der Hamburger Niederlassung von Cisco Systems und Harald Neidhardt, CEO der Innovationsagentur MLOVE. Das internationale IT-Unternehmen Cisco stellte das Geld für den Prototyp-Container zur Verfügung und avodaq stattete RFRC mit neuester Technik aus.

Eingerichtet mit Behandlungsliege, Medizinschrank und Mobiliar für den Wartebereich entstand der Prototyp auf dem MLOVE Future City Campus in der Hamburger HafenCity. Der Container wird im Rahmen der durch das Gesundheitsamt Altona organisierten medizinischen Sprechstunden genutzt, die anfangs von Ärzten des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf durchgeführt werden. Von der Idee bis zur Umsetzung dauerte es nur sechs Wochen und bereits innerhalb der ersten fünf Monate gab es mehr als 5.000 ärztliche Behandlungen mit einer Video-Übersetzung.

Potenzial: Projekt mit Strahlkraft

Das RFRC-Konzept überzeugt und begeistert. Der Testbetrieb ergab, dass der Videozugang zu Dolmetschern sowohl Zeit und Geld spart, als auch den Service für Patienten und Ärzte maßgeblich verbessert. Daraufhin stellte die Dorit und Alexander Otto-Stiftung 900.000 Euro für weitere zehn Container mit erweitertem Umfang dem Roten Kreuz in Hamburg-Altona zur Verfügung. Das Projekt ist inzwischen weit über die Grenzen der Metropolregion Hamburg hinaus bekannt. Die Vision der Macher: Sie wollen 100 oder mehr Medizin-Container zu den Flüchtlingslagern in aller Welt bringen – die ersten zwei RFRC Pilotinstallationen sind inzwischen auf die Insel Samos, Griechenland, und in den Libanon in die Bekaa Ebene geliefert.

Refugee First Response Center
in Numbers

750
medizinisch trainierten Übersetzern
50
Sprachen
400
Videoanfragen in den ersten 2 Wochen
900.000
Euro Unterstützung Dorit und Alexander Otto-Stiftung

Impressions

Let's Connect

Related Stories