Lärm macht krank. Ganz besonders, wenn er beruflich bedingt ist und von lauten Maschinen verursacht wird. Doch Lärm ist nichts anderes als Schall. Und dem kann man entgegenwirken. Durch Gegenschall, der krank machenden Lärmquellen einen Dämpfer versetzt.

Herausforderung: Lärm entgegenwirken ohne lästige Kopfhörer

Jeder Achte in Deutschland leidet unter Hörschäden. Durch Lärm hervorgerufene Schwerhörigkeit ist derzeit die zweithäufigste Berufskrankheit, die weltweit jährlich Kosten in Höhe von rund 800 Mrd. Euro verursacht.

Bisher gibt es dagegen lediglich Lärmschutz-Kopfhörer. Doch auf Dauer sind selbst Kopfhörer mit ausgefeilter Noise Cancelling Technologie einfach lästig. Sie erzeugen ein Druckgefühl, erschweren die Kommunikation und unterdrücken auch all die akustischen Signale, die entscheidend sein können.

Ideal wäre daher ein System, das störenden Lärm wirksam unterdrückt und dennoch eine uneingeschränkte Wahrnehmung und Kommunikation ermöglicht. Ideal für laute Baumaschinen, landwirtschaftliche Maschinen, aber auch Flugzeuge und Automobile.

Lösung: Lärmunterdrückung direkt in den Sitz integriert

Marc von Elling wohnt in Hamburg-Altona, direkt oberhalb des Fischmarktes. Nachts bei offenem Fenster zu schlafen, ist dort kaum möglich. Doch Marc war überzeugt, dass es einen Weg geben müsste, um Lärm auszuschalten, ohne dafür einen Kopfhörer aufsetzen zu müssen. Eine Überzeugung, die zur Gründung von recalm führte. Und zu einer engen Zusammenarbeit mit Martin Günther, Lukas Henkel und Ralf Ressel.

Die recalm-Gründer setzten auf künstliche Intelligenz und begannen 2017 mit der Entwicklung eines Algorithmus, der lärmenden Schall in ein gegenphasiges Schallsignal umwandelt und damit eine Reduzierung des Lärmpegels um bis zu 20 dB bewirkt. Das ist ein überzeugender Wirkungsgrad und markiert die erste Freifeld-Anwendung dieser Art, die ohne Kopfhörer auskommt.

Das technische Setup besteht aus zwei Mikrofonen zur Aufnahme des vorhandenen Umgebungsgeräusches. Ein Mikroprozessor entwickelt daraus ein Schallsignal mit genau entgegengesetzter Polarität. Zwei Lautsprecher werden in Ohrnähe in den Sitz eingebaut und geben ein Gegengeräusch wieder, mit dem der Lärm überlagert und zum großen Teil ausgelöscht wird. Da es sich bei Baumaschinenlärm vor allem um niederfrequenten Schall handelt, bleiben die höheren Frequenzen unberührt. Der Bau- oder Landmaschinenführer ist also in der Lage, weiterhin akustische Signale wahrzunehmen und bleibt auch in seiner Kommunikationsfähigkeit uneingeschränkt.

Lukas Henkel, bei recalm als COO für Business Modelling und Marketing zuständig, sieht als erste Einsatzbereiche vor allem Baumaschinen und Landmaschinen. Hier arbeiten Menschen Tag für Tag unter erheblicher Lärmbelastung und entwickeln dabei fast zwangsläufig dauerhafte Hörschäden.

Seine ersten Schritte unternahm recalm im Rahmen des BizLab Accelerator-Programms von Airbus. Das Projek wurde durch ein EXIST-Stipendium des BMWi gefördert und in das InnoRampUp Förderprogramm der Hamburgischen Investitions- und Förderbank aufgenommen. 2018 gewannen die vier Köpfe hinter recalm den Gründerwettbewerb Digitale Innovation des BMWi.

Seit Sommer 2017 arbeitet das Startup im Startup Dock der TUHH in Hamburg-Harburg. Hier ging es zunächst um die Entwicklung eines Prototypen, um die Funktion des Systems nachzuweisen. Seit Frühjahr 2018 finden erste konkrete Praxistests mit Pilotkunden aus dem Bau- und Landmaschinenbereich statt.

Potenzial: Neue Einsatzbereich im Aviation- und Automotive-Bereich

Das Schöne an der Active Noise Cancelling Technologie ist, dass sie sich in praktisch jeden Sitz integrieren lässt. Bei recalm sieht man daher ein breites Anwendungsspektrum – von Bussen und Bahnen bis hin zu Automobilen und Flugzeugen. Vielleicht gibt es sogar eines Tages das Bett mit Freifeld Noise Cancelling-Technologie, das auch direkt am Fischmarkt für einen ungestörten Schlaf sorgt.

Zunächst wird recalm jedoch Gelegenheit haben, seine Lösung zusammen mit einigen potenziellen Kunden auf der weltgrößten Baumaschinenmesse, der bauma, auszustellen, die im April 2019 in München stattfindet. Bis dahin soll das Produkt einen Langzeittest durchlaufen haben und in ersten Fahrzeugen dieser Kunden integriert sein.

recalm
in Numbers

12%
aller Deutschen leiden unter Hörschäden
800 Mrd. €
Kosten entstehen weltweit durch irreparable Hörschäden
15-20 dB
Schallminderung stehen für wirksamen Lärmschutz
2,3 Millionen
neue Baumaschinen jährlich könnten mit Lärmschutz arbeiten

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