Wie ein Startup aus einer Nische heraus den Markt erobert

Mit einem vielseitigen und nachhaltigen Produkt hat das junge Startup aus Hamburg die Jury des Future Hamburg Awards überzeugt. Jetzt hat LignoPure auch bei der Global Blockchain Challenge in Malaga gewonnen. Die Idee: eine innovative, Lignin-basierte Sonnenmilch zum Schutz der Korallenriffe.

Wie wandelt man ein komplexes Forschungsprojekt in eine rentable Geschäftsidee um? Die Beantwortung dieser Frage war eine der größten Herausforderungen für das junge Startup LignoPure. Das Hamburger Gründerteam entwickelt neue Materialien und Produkte unseres täglichen Lebens auf Basis von Lignin – nach Cellulose das zweithäufigste pflanzliche Biopolymer der Welt. Lignin ist eine natürliche und biologisch abbaubare Alternative zu ölbasierten Rohstoffen, aus denen sonst beispielsweise Kunststoff-Mikropartikel hergestellt werden. Für den Investor-Pitch musste also erstmal eine vereinfachte Erklärung des Konzeptes her, damit auch Fachfremde die Geschäftsidee von LignoPure verstehen können. Lignin als nachhaltiger Mikroplastik-Ersatz ist definitiv eine medienwirksame Story, aber für LingoPure ist dieser Anwendungsbereich nur einer von vielen: Durch die atoxische Eigenschaft des Lignins ist zum Beispiel auch ein Einsatz in der Pharmazie und Kosmetik denkbar. Kürzlich präsentierte LignoPure die Idee eines Lignin-basierten Sonnenschutzmittels zusammen mit dem belgischen Unternehmen ABInBev und dem japanischen Konzern NEC. Das Produkt soll einer Entwicklung folgen, bei der nicht nur das Lignin die Korallenriffe nicht schädigt, sondern ein Teil des Produktumsatzes an Nichtregierungsorganisationen auf der ganzen Welt gespendet wird, um Korallen und Meeresgräser zu pflanzen. Mit diesem in Malaga vorgestellten Produktprototyp belegte das Team den ersten Platz in der Kategorie Innovation.

Lignin wirkt zudem als Antioxidant und bietet einen inhärenten Flammschutz, was völlig neue Möglichkeiten, zum Beispiel bei der Gebäudedämmung eröffnet. Außerdem lassen sich Polymer-Compounds für den 3D-Druck und für den Kunststoff-Spritzguss herstellen. Für LignoPure bietet dieses breite Spektrum an Möglichkeiten eine große Chance mit nachhaltiger Wirkung: die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Partnern aus verschiedenen Industrien, um umweltverträgliche Produkte und Materialien herzustellen.

Bemerkenswert ist das Startup nicht nur wegen seines Produktes, sondern das Team von LignoPure besteht zum Großteil aus Frauen. Und mit dem Standort Hamburg haben sie sich im Vergleich zum süddeutschen Markt für eine Nischenbranche entschieden. Dass diese Strategie dennoch aufgeht, beweist der Erfolg des sehr jungen Startups, das dieses Jahr erst als GmbH eingetragen worden ist. Erst kürzlich hat der Future Hamburg Award Preisträger den 2. Platz beim Biogründer Wettbewerb des Kompetenzzentrums Bio-Security belegt. Außerdem sind sie Finalisten beim Start Green Award, dem digitalen Informations- und Vernetzungsportal für die grüne Gründerszene. Angst vor Konkurrenz hat Lignopure nicht, da Chemie-Startups über ganz Europa verteilt und demzufolge auch sehr unterschiedlich ausgerichtet sind. Im Gegenteil: Sie begrüßen es, wenn weitere Chemie-basierte Gründerteams nach Hamburg kommen. Auch wenn die Hansestadt kein klassischer Chemie-Standort ist, gibt es hier einige Vorteile für internationale Gründer. Starke Netzwerke wie das EU-GoldCluster Life Sciences Nord beispielsweise, aber auch das Startup Dock Hamburg, Hamburg Startups, das DESY Innovation Village und die TuTech GmbH leisten große Hilfe bei der Gründung. Großen Rückhalt erhielt das Team von LignoPure durch das TVT-Institut der TUHH. Unternehmen wie LignoPure profitieren auch vom Logistikvorteil Hamburgs, denn die Rohstoffe werden vor allem aus Skandinavien bezogen, wo es viele Papierhersteller gibt. So wird Lignin unter anderem aus den Reststoffen der Papierherstellung gewonnen. Ein weiteres Plus in Hamburg ist die starke KMU-Szene, mit der LignoPure bei der Produktherstellung kooperiert, da bisher keine eigenen Anlagen vorhanden sind.

Ein Bereich, in dem Hamburg laut LignoPure noch Nachholbedarf habe, sind Produktionsflächen, die projektweise vermietet werden. Vorreiter hierfür seien beispielsweise die Niederlande, die vollausgestattete Labore und Hallen für Startups anbieten. Ein weiteres Problem, mit dem Chemie-Startups konfrontiert werden, sind die langen Entwicklungszeiten und hohen Investitionssummen, da die Materialien und technische Ausstattung viel teurer sind als bei den meisten anderen Branchen. Dementsprechend müssten auch die Förderprogramme differenziert werden. 

Die Ziele für 2020 sind klar gesteckt: LignoPure will mit zwei Produkten und Leistungen auf dem Markt sein. Ein erstes zertifiziertes Produkt aus biobasierten Materialien soll es bereits in den nächsten sechs Monaten geben. Das Portfolio soll erheblich wachsen und ab 2021 wird dann auch das LignoPure Team verstärkt.